Der Bürgerkrieg in Syrien: Wer kämpft gegen wen?

Syrien
Abb.1: Aktuelle Karte von Syrien. Kontrollierte Gebiete der syrischen Regierung sind rot, der Kurden gelb, der Opposition grün und des Islamischen Staats grau dargestellt (Stand 16.09.2017). Quelle: http://syria.liveuamap.com/

Seit Beginn des Bürgerkrieges vor sechs Jahren steht Syrien im Fokus der weltweiten Öffentlichkeit. Trotz dieser internationalen Aufmerksamkeit ist die humanitäre Lage nicht besser und die chaotische Situation dort sogar noch unübersichtlicher geworden. Eine Vielzahl von Akteuren kämpft in dem zerbombten Land mittlerweile um Einfluss und Macht, um sich einen strategischen Vorteil in der Region zu sichern. Die Frontlinien verlaufen dabei immer öfter zwischen ethnischen, politischen und konfessionellen Identitätsmerkmalen. Deshalb ist nicht nur eine bestimmte Gruppe von den Folgen des Konfliktes betroffen, sondern alle Syrer. So fliehen beispielsweise sunnitische Muslime vor dem alawitischen Assad-Regime, Christen vor radikalen Islamisten und Jesiden vor dem Islamischen Staat. Außerdem wurden im Zuge der bewaffneten Auseinandersetzung die Infrastruktur, sowie das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenleben in dem Land fast vollständig zerstört.

Ursachen…

Das seit 1946 unabhängige Syrien wird seit einem Staatsstreich von 1963 von der Baath-Partei regiert, welche seit 1970 durch den alawitischen Assad-Clan geführt wird. Der aktuelle Präsident Bashar al-Assad übernahm vor 17 Jahren das Amt des Staatsoberhauptes von seinem Vater Hafis al-Assad. Trotz seiner Versuche das Land stellenweise zu reformieren, blieb Syrien eine de facto Ein-Parteien-Diktatur mit wenigen Partizipationsmöglichkeiten für die breite Masse der Syrer im Allgemeinen und der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit im Besonderen.

Jener Unmut sorgte dafür, dass der arabische Frühling im März 2011 auf fruchtbaren Boden fiel. Es kam zu einigen regimekritischen Demonstrationen, welche jedoch von der Polizei und einen Monat später auch mithilfe des Militärs niedergeschlagen wurden. Trotz dieser staatlichen Repressionen gingen die Proteste gegen das Regime weiter. Sie erreichten ihren Höhepunkt im Juli 2011, als schätzungsweise 1,2 Mio. Syrer auf Demonstrationen den Rücktritt des Präsidenten forderten. Noch im gleichen Monat gründete sich, als Reaktion auf das Eingreifen des Militärs, die Freie Syrische Armee und damit begann die bewaffnete Auseinandersetzung.

…und Entwicklungen

Zunächst konnten die Rebellen einige Erfolge gegen das überrumpelte Regime vermelden. Die anfängliche Schwäche von Assads Streitkräften resultierte aus zahlreichen Überläufen in den sunnitischen Teilen der syrischen Armee. Als jene Welle Ende 2012 langsam abebbte, stabilisierte sich das Regime wieder. Ein Grund hierfür ist auch der Einmarsch von schiitischen Milizen u.a. aus dem Irak oder dem Libanon wie der Hisbollah im Sommer 2013. Das ursprüngliche Hauptmotiv der Opposition, den Sturz Assads herbeizuführen, geriet über die Jahre hinweg immer mehr in den Hintergrund. Der gemeinsame Feind konnte die pluralistische Opposition nicht dauerhaft einen.

Es entstanden ethnische (Araber, Kurden), konfessionelle (Sunniten, Schiiten, Alewiten) und politische (Linke, Nationalisten, Säkulare, Islamisten) Konfliktlinien. Verschärft wurde und wird der Konflikt zudem durch ausländische Interessensgruppen. Dabei kann mittlerweile von einem Stellvertreterkrieg zwischen zwei Machtblöcken gesprochen werden. Einerseits schiitische Staaten wie Iran und Libanon (Hisbollah) in Zusammenarbeit mit Russland, um das Regime zu stützen. Anderseits sunnitischen Staaten wie z.B. Saudi-Arabien, welche Assad stürzen wollen.

Die Rolle der USA und Russlands

Die Haltung der USA im syrischen Bürgerkrieg ist eher zurückhaltend. Als es im August 2013 erstmals zu einem vermuteten Giftgaseinsatz durch das Regime kam und die „rote Linie“, die Obama vorher zog, überschritten wurde, blieb eine militärische Antwort der Vereinigten Staaten aus. Aufgrund der Vetomacht von Russland und China im UN-Sicherheitsrat wäre ein militärisches Eingreifen gegen Assad ohnehin völkerrechtswidrig. Da Russland hingegen auf Bitten der syrischen Regierung in den Konflikt eingreift, ist dieses militärische Engagement durch das Völkerrecht gedeckt. Einzig gegen den im November 2013 ausgerufenen Islamischen Staat wurde die Obama-Administration aktiv. Im September 2014 bildete sich unter Führung der USA die sogenannte Anti-IS-Koalition.

Ab September 2015 intervenierte zudem die russische Luftwaffe, um Stellungen des IS, aber auch anderer Oppositionsgruppen zu bombardieren. Dadurch gelang es dem Regime u.a. im Dezember 2016 die umkämpfte Millionenmetropole Aleppo von größtenteils islamistischen Rebellen wie der Al-Nursa Front zu befreien. Seither haben die Truppen Assads und die Kurden im Norden deutlich an Boden gewonnen (Siehe Abb. 1). Die Freie Syrische Armee und der Islamische Staat haben hingegen signifikante Gebietsverluste hinnehmen müssen.

Akteure in Syrien

Das Assad-Regime

Das Assad-Regime ist militärisch der stärkste Akteur im Syrienkonflikt. Trotz hoher Verlusten und zahlreicher Überläufer verfügt die syrische Armee noch immer über ungefähr 100.000 – von ursprünglich 300.000 – Soldaten. Im Vergleich zu den anderen Konfliktparteien kann die Armee darüber hinaus auf das schlagkräftigste Waffenarsenal zurückgreifen und ist infolgedessen in einem offenen Feldgefecht nur schwer zu schlagen. Hinzu kommt, dass die Regierung in Damaskus von Russland durch militärisches Gerät, vom Iran mit Geld und von ausländischen, sunnitischen Milizen unterstützt wird. Assad kann daher den Krieg militärisch nicht verlieren, aber seine Schlagkraft reicht auch nicht aus, um ihn zu gewinnen.

Syrien
Abb.2: Eine grobe Übersicht über die wichtigsten Akteure im Syrienkonflikt und ihre Beziehung zu einander (eigene Darstellung).

Das Regime hält zudem die Kontrolle über 14 der 16 Provinzhauptstädte und einen großen Teil Syriens, indem mehr als 2/3 der Bevölkerung lebt. Um diese Fläche zu halten und auch neue Gebiete zu erobern, ist die syrische Regierung auf regionale, autonome Milizen wie die Schabiha (dt. Gespenst) oder die Jaysh al-Sha’bi (dt. Volksarmee) angewiesen. Jene verstoßen zwar regelmäßig gegen das Kriegsrecht, aber Assad kann sich von ihnen leicht distanzieren, da sie unabhängig agieren. Daraus ergibt sich jedoch das Problem, dass jene Milizen sich langsam immer mehr zu unkontrollierbaren Banden entwickeln.

Kriegsverbrechen

Der UN-Menschenrechtsrat hat mittlerweile eine unabhängige, internationale Kommission ins Leben gerufen, welche die zahlreichen Kriegsverbrechen in Syrien dokumentieren soll. Laut dem neuesten Bericht der Kommission von März 2017 wird dem Regime und dessen Verbündeten vorgeworfen, zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser, Schulen und Wasserquellen angegriffen zu haben. Darüber hinaus soll Regierungstruppen für Attacken auf humanitäre Hilfskräfte wie dem Roten Kreuz, sowie den mutmaßlichen Einsatz von geächteten Waffen wie Giftgas und Streubomben verantwortlich sein. Dadurch nimmt Assad massive Kollateralschäden in der Bevölkerung in Kauf. Hinzu kommen zahlreiche Fälle von Folter und staatlicher Repression gegen mutmaßliche Oppositionelle, sowie Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen.

Die u.a. daraus resultierende Flucht der sunnitischen Bevölkerung ist zudem politisch gewollt. Dadurch können die Alewiten ihre dominante Rolle in Syrien festigen. Eine Rückführung von sunnitischen Flüchtlingen nach dem Bürgerkrieg ist daher extrem unwahrscheinlich. Der Soziologe Gunnar Heinsohn brachte diese Kriegsstrategie von Assad auf den Punkt: „Je mehr sunnitische Syrer tot oder vertrieben sind, desto sicherer erachtet das Regime die eigene Zukunft“.

Die Freie Syrische Armee

Als Reaktion auf den Einsatz der regulären Armee, gegen friedliche Demonstrationen, bildete sich im Juli 2011 die Freie Syrische Armee. Sie bestand auf ihren Höhepunkt aus über 1.000 unabhängiger Gruppen mit ca. 50.000 Soldaten. Viele von ihnen haben bereits in der regulären syrischen Armee gedient und sind sunnitisch geprägt. Mittlerweile ist die selbst ernannte „Armee“ jedoch nur noch eine Marke, auf die sich einzelne Rebellengruppen berufen. Die letzte Schätzung (Ende 2015) beziffert ihre Truppenstärke auf ca. 35.000.

Einer der größten Schwachpunkte der FSA ist ihre Heterogenität. Dies führt dazu, dass sich einzelne Gruppen untereinander bekämpfen. Eine der Hauptkonfliktlinien dabei verläuft zwischen den säkularen und islamistischen Rebellen. Infolge dessen kam es 2013 zu einigen Abspaltungen von islamistischen Organisationen von der weitestgehend säkularen FSA. Durch die immer stärker werdende Radikalisierung und Konfessionalisierung der syrischen Bevölkerung gibt es ferner Anzeichen dafür, dass die Kämpfer von der moderaten FSA zu islamistischen Gruppen überlaufen. Da Letztere großzügig von den Golfstaaten finanziert werden, verstärkt sich jene Entwicklung noch zusätzlich.

Die Ankündigung der Vereinigten Staaten die FSA nicht weiter mit Waffen zu versorgen, dürfte ein weiterer Rückschlag für die Organisation darstellen. Ein weiteres Problem, welches mit der Heterogenität der FSA einhergeht, ist von organisatorischer Natur. Denn aufgrund der unabhängigen Rebellengruppen ist es nahezu unmöglich, ein gemeinsames Vorgehen oder eine langfristige Strategie zu planen. Durch ihre dezentrale Organisation findet des Weiteren kein regulärer, d.h. offener Kampf gegen das Assad-Regime statt. Durch das Ausbleiben einer Entscheidungsschlacht, den die Rebellen verlieren würden und der Guerillataktik der Oppositionellen wird der Konflikt deshalb in die Länge gezogen.

Die Syrische Nationalkoalition und der Nationalrat

Die übergeordneten, politischen Einheiten der FSA bilden die Syrische Nationale Koalition und der Syrische Nationalrat. Letztgenannter ist einer der beiden größten Oppositionsbündnisse. Er hat sich am 23. August 2011 in Istanbul konstituiert und wird seitdem von den syrischen Muslimbrüdern dominiert. Der Nationalrat verfügt über 270 Mitglieder und repräsentiert nach eigenen Angaben 60% der syrischen Opposition. Länder wie Frankreich und die USA unterhalten offizielle Kontakte mit der Organisation, erkennen sie jedoch nicht als legitime Vertretung des syrischen Volkes an. Der SNR sieht sich hingegen als Exilregierung und wirbt um internationale Anerkennung. Unterstützt wird er vor allem von Katar und der Türkei.

Andere Oppositionelle sahen die starke Rolle der Muslimbrüder in dem Gremium jedoch kritisch und gründeten, auf amerikanischen Druck hin, in der katarischen Hauptstadt Doha im November 2012 eine übergeordnete Einheit, die Syrische Nationalkoalition. Sie besteht aus 60 Mitgliedern (22 Sitze gehören dem Nationalrat) und soll die kämpfenden Einheiten besser an das Oppositionsbündnis anbinden. Außerdem wird die SNK von über 130 Staaten, darunter auch die Freunde Syriens, als „legitimer Vertreter des Syrischen Volkes“ anerkannt. Zu den „Freunden Syriens“ gehören westliche und arabische Staaten wie Deutschland und Katar.

Kriegsverbrechen

Obwohl die FSA als weitestgehend gemäßigt und säkular gilt, fliehen auch vor ihr Menschen. Ein Grund hierfür sind Folterungen und Hinrichtungen von Regierungstruppen. Darüber hinaus entführten FSA-Kämpfer Regierungsanhänger und deren Angehörige, um Lösegelder zu erpressen. Ferner wird der FSA auch vorgeworfen, Kinder als Soldaten bzw. „militärische Hilfskräfte“ einzusetzen.

Die Islamische Front

Die Islamisten in Syrien lassen sich grob in moderat und radikal einteilen. Zu ersterem Lager gehört die Dachorganisation Islamische Front (IF). Sie wurde im November 2013 von sieben Rebellengruppen gegründet und besteht aus mindestens 45.000 Kämpfern. Die größte Organisation innerhalb der IF ist die Gruppierung Islamische Bewegung der freien Männer der Levante (Arabisch: Ahrar al-Scham). Ein weiterer wichtiger Akteur der IF ist die Armee des Islam (Arab. Dschaisch al-Islam). Letztgenannte Organisation wird vor allem von Saudi-Arabien finanziell unterstützt. Ideologisch ist die IF den Salafisten zuzuordnen, da sie einen islamischen Staat anstreben, Demokratie ablehnen und die Scharia als Rechtssystem implementieren wollen.

Haiʾat Tahrir asch-Scham (al-Nursa Front)

Ein Teil der radikal-islamistischen Opposition war lange Zeit beim syrischen Ableger von al-Qaida, der Unterstützungsfront für das levantinische Volk (Arab. Dschabhat an-Nusra) organisiert. Besser bekannt unter den Namen al-Nursa Front. Im Juli 2016 trennte sie sich von Al-Qaida und operiert seitdem unter ihrem neuen Namen: Front für die Eroberung der Levante (Arabisch: Dschabhat Fatah asch-Scham). Anfang des Jahres schloss sich die Organisation mit gleichgesinnten Rebellengruppen zum Komitee zur Befreiung der Levente (Arab. Haiʾat Tahrir asch-Scham) zusammen.

Die Front für die Eroberung der Levante ist mit geschätzten 10.000 Kämpfern einer der stärksten und schlagkräftigsten Einzelakteure im syrischen Bürgerkrieg. Finanzielle Unterstützung erhält die Miliz vor allem aus dem Golfstaat Katar. Trotz ihrer ideologischen Nähe zu al-Qaida gilt die Front für die Eroberung der Levante als „relativ moderat“, d.h. sie versucht z.B. bei Bombenanschlägen die Anzahl der zivilen Opfer gering zu halten oder Enthauptungen nicht medial festzuhalten und viral zu verbreiten. Nichtsdestotrotz werden ihr zahlreiche Gräueltaten wie z.B. die Bombardierung von zivilen Zielen und Exekutionen zur Last gelegt. Laut einem Bericht der UN-Kommission für Menschenrechte rekrutiert die, offiziell als terroristisch eingestufte, Organisation Kindersoldaten, die auf den Sold angewiesen sind, um ihre Familien zu versorgen. Außerdem werden Frauen, selbst bei nur vermuteten Ehebruch, zu Tode gesteinigt.

Der Islamische Staat

Im Juni 2014 rief der Anführer des Islamischen Staates, Abu Bakr al-Baghdadi, ein Kalifat aus, das große Teile Syriens und des Iraks einschloss. Begonnen hat die sunnitische Miliz als al-Qaida im Irak bereits 2013. Diese Vorgängerorganisation des späteren IS gründete sich als Reaktion auf die US-Invasion im Irak und den Fall des sunnitischen Diktators Saddam Hussein. In seinem Herrschaftsgebiet gelten die Scharia als Rechtssystem und der Wahhabismus als ideologisches Fundament. Die Wahhabiten streben eine Rückkehr zu einer Art Ur-Islam an, den es vermeintlich unter den Propheten Mohammed gegeben haben solll. Laut Schätzungen der CIA von 2016 verfügt der IS mittlerweile „nur“ noch über 19.000 bis 25.000 Soldaten in Syrien und im Irak.

Der radikale Islam und seine Folgen

Trotz seiner vergleichsweisen geringen Truppenstärke hat der IS zahlreiche Gebiete erobern können. Dabei setzt die Miliz gezielt Terror als Mittel zum Erreichen ihrer Zwecke ein, der sich explizit nicht nur auf die Region begrenzt, sondern auch gegen westliche Gesellschaften richtet. Die zugrunde liegende Idee jener brutalen Vorgehensweise stammt aus dem 2004 erschienenen Manifest „Die Verwaltung der Grausamkeit“ (Arab. Idarat at Tawahoush), welches von dem al-Qaida-Strategen Abu Bakr Naji geschrieben wurde.

Darüber hinaus wendet der IS das sogenannte Prinzip des „Takfir“ an, d.h. Anhänger anderer islamischer Strömungen werden als Ungläubige (Arab. kuffār) angesehen und müssen mit Repression rechnen. Für Anhänger der Buchreligionen, den sogenannten Schutzbefohlenen (Arab. Dhimmi), d.h. für Christen oder Juden in den vom IS kontrollierten Gebieten besteht zumindest die theoretische Möglichkeit durch Zahlung einer Kopfsteuer (Arab. Dschizya) am Leben zu bleiben. Davon ausgenommen sind die Jesiden. Sie werden nicht einmal als Ungläubige angesehen, sondern als Muschrik. Daher sind keine Schutzzahlungen nach der IS-Auslegung des islamischen Rechts möglich. Dies führte dazu, dass zahlreiche jesidische Frauen als Sexsklaven ausgebeutet und ihre Männer ermordet wurden. Die UN spricht hierbei bereits von Völkermord. Um die Fluchtgründe, insbesondere der jesidischen Frauen, plastisch darzustellen, soll im Folgenden eine Passage aus einem HRC-Bericht zitiert werden:

„A 19-year-old pregnant married woman explained that she was repeatedly raped by an ISIL ‘doctor’ for two and a half months in Hawija District, Kirkuk governorate. There were visible lacerations on her breast, indicating she may have been tortured. According to the woman, the doctor sat on her stomach, aiming to kill her unborn child, saying, “this baby should die because it is an infidel; I can make a Muslim baby”.

Kriegsverbrechen

In dem HRC-Bericht finden sich noch weitere, solcher Gräueltaten. Unter anderen wurden und werden noch immer gefangen genommene Kinder einer Gehirnwäsche unterzogen, mit dem Ziel neue Soldaten für das „Kalifat“ zu rekrutieren. Fernerhin gehören Mord (u.a. durch Steinigung oder Kreuzigung), Folter, Vergewaltigungen und Zwangskonvertieren zum Alltag in den unterworfenen Gebieten des IS. Dabei griffen die IS-Kämpfer vermutlich auch bereits auf chemische Waffen und Landminen zurück, welche geächtet sind. Ein geläufigerer Bestandteil ihrer Taktik sind jedoch Selbstmordanschläge. Da hiermit auch gezielt zivile Einrichtungen attackiert werden, zählen jene Angriffe als Kriegsverbrechen, obwohl Selbstmordanschläge nicht explizit durch internationale Gesetze verboten sind. Darüber hinaus nutzen die IS-Milizen oftmals Zivilisten als menschliche Schutzschilde, was ebenfalls gegen internationale Gesetze verstößt.

Das Ende ist in Sicht?

Nicht nur im Irak, sondern auch in Syrien ist der Islamische Staat seit einiger Zeit bereits auf dem Rückzug. Das Zurückdrängen und absehbare Ende des IS ist eine der wenigen Lichtblicke in der Region. Damit wäre zumindest die Schreckensherrschaft des selbst ernannten Kalifats beendet. Nichtsdestoweniger gehen damit neue Probleme einher. Denn wenn der bisherige, gemeinsame Feind aller internen und externen Akteure im Syrienkonflikt entfällt, entsteht ein Machtvakuum in den ehemaligen IS-Gebieten. Der Kampf um Einfluss wird dort vermutlich in die nächste Runde gehen, wenn sich die Verantwortlichen nicht einigen können.

Das Nationale Koordinationskomitee

Die zweite Hauptfraktion der syrischen Opposition bildet, neben dem Syrischen Nationalrat, das Nationale Koordinationskomitee für Demokratischen Wandel (NCC). Dieses säkulare Oppositionsbündnis, mit Sitz in der syrischen Hauptstadt Damaskus, besteht aus linken, nationalistischen und kurdischen Parteien bzw. unabhängigen Aktivisten. Im Gegensatz zum Nationalrat setzt der NCC auf einen Dialog mit dem Assad-Regime, um den Konflikt beizulegen und das Land in eine Demokratie umzugestalten. Ausländische Militärinterventionen und bewaffneten Widerstand lehnt das Koordinationskomitee – im Gegensatz zum Nationalrat – ab.

Die Kurden

Ein weiterer Akteur im Syrienkonflikt sind die Kurden. Sie verwalten im nördlichen Teil von Syrien das de facto autonome Gebiet Rojava, das auch als Westkurdistan bezeichnet wird. Dort vereinigten sich im Oktober 2015 über 13 verschiedene Organisationen, darunter die kurdische YPG, die sunnitisch-arabische Armee der Revolutionäre und der assyrisch-aramäische Militärrat der Suryoye (MFS), zum Militärbündnis der Demokratischen Kräfte Syriens. Jene Kampforganisation ist der militärische Arm des Demokratischen Rats Syriens. Ihr Ziel ist es einen demokratischen, säkularen und föderalen Staat in Syrien zu errichten. Die SDF wird vor allem durch die USA unterstützt und arbeitet eng mit der Anti-IS-Koalition zusammen. Kritisch wird sie jedoch von der Türkei gesehen. Der dortige Präsident, Recep Erdogan, fürchtet, dass eine autonome Kurdenregion in Nordsyrien, separatistische Bestrebungen in der eigenen kurdischen Bevölkerung beflügeln könnten.

Gegenüber dem Assad-Regime verhalten sich die Kurden neutral. Die gemeinsamen Gegner beider Akteure, insbesondere die Türkei und der IS, haben zu diesem Status beigetragen. Die Kurden nehmen zudem die Unterstützung von Assad gerne an, solange es ihnen dabei hilft, ihrem eigenen Staat näher zu kommen. Das momentane Hauptaugenmerk der SDF-Kämpfer liegt auf der Bekämpfung des Islamischen Staates. Ihnen wird dabei jedoch von Amnesty International und den HCR zur Last gelegt, in den vom IS befreiten Gebieten, die dortige nicht-kurdische Bevölkerung zu vertreiben und ganze Dörfer zu zerstören.

Bilanz

Die Bilanz des Konfliktes fällt dramatisch aus. Nach einer Studie des Syrian Centre for Public Research vom Februar 2016 sind bereits 470.000 Menschen in Syrien ums Leben gekommen, 1,9 Mio. weitere Menschen wurden verletzt und 45% der Bevölkerung vertrieben. Die Lebenserwartung sank von 70 Jahren, vor dem Bürgerkrieg 2010, auf 55,4 Jahre fünf Jahre später. Der wirtschaftliche Schaden beläuft sich auf rund 226 Mrd. Euro. Zudem sind die Infrastruktur und der Wohlstand des Landes beinahe komplett vernichtet worden. Einer aktuellen Schätzung des UNHCR zufolge beträgt die Anzahl der registrierten Flüchtlinge über fünf Millionen.

Anhand des Failed-States-Index des Fund for Peace lassen sich die dramatischen Entwicklungen des langjährigen Konfliktes nachvollziehen. Dort werden 171 Länder nach verschiedenen Kriterien wie Demographie und Ökonomie bewertet. 2017 lag Somalia auf dem ersten, d.h. schlechtesten Platz mit einem Score von 113,4. Das stabilste Land hingegen war Finnland mit 19,7 Punkten. Syrien erreichte mit 110,6 Punkten den fünften Platz. Zu Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 2011 lag das Land mit 85,9 Punkten noch auf Platz 48. Zumindest diesem Index zufolge kann Syrien als gescheiteter Staat bezeichnet werden.

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Abb. 3: Failed-State-Index von Syrien im Zeitraum von 2011 bis 2017. Eigene Darstellung basierend auf den Daten des Fund for Peace.

Die demografische Entwicklung

Da die Infrastruktur des Landes beinahe vollständig zerstört wurde, ergeben sich immer neuere Probleme. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten ist in weiten Teilen des Landes nicht mehr gewährleistet. Hinzu kommt, dass durch den Bürgerkrieg das wirtschaftliche Leben in Syrien zusammengebrochen ist. Infolge dessen sind viele erwerbsfähige Menschen arbeitslos geworden und in Armut gestürzt, ohne jegliche Perspektive auf eine Verbesserung ihrer Situation. Erschwert wird dies durch die Demografie, welche eine zentrale Rolle beim Ausbruch des Arabischen Frühlings spielte und auch bei der gezielten Vertreibung konfessioneller Gruppen in Syrien ein zentraler Faktor wurde.

Einen Weg den demografischen Druck einer Gesellschaft zu messen ist der sogenannte Kriegsindex, der auf dem deutschen Soziologen Gunnar Heinsohn zurückgeht. Der Index misst die Relation zwischen den 15- bis 19-Jährigen, die in den Arbeitsmarkt drängen und den 55- bis 59-Jährigen, die ihn altersbedingt verlassen. Beispielsweise ergibt sich hierbei für Deutschland ein Wert von 0,66. Das heißt auf 1000 alte kommen 660 junge Männer. Bei einem Wert zwischen drei und sechs steigt allerdings die Wahrscheinlichkeit von Spannungen. Für Syrien im Jahre 2016 ergibt sich, trotz zahlreicher junger Kriegstoter, ein Kriegsindex von 3,8. Das demografische Konfliktpotenzial ist demzufolge noch hoch. Auch wenn der Kriegsindex nicht als Erklärung für Gewalt ausreichend ist, so liefert er zumindest eine partielle Erklärung für kriegerische Auseinandersetzungen, insbesondere für Länder des Arabischen Frühlings.

Push- und Pull-Faktoren

Ein weiterer theoretischer Ansatz zur Erklärung von Migration ist das sogenannte Push- and Pull-Modell von Everett S. Lee. Es stammt bereits aus dem Jahr 1966 und bildet die Grundlage für die klassische Migrationstheorie. Mithilfe dessen können sowohl die Fluchtmotive als auch die bevorzugten Zielländer der syrischen Flüchtlinge analysiert werden. Zunächst zu den Push-Faktoren. Hierbei spielen in Bezug auf Syrien, wie bereits dargelegt, hauptsächlich politische Gründe eine Rolle, d.h. Krieg, Diktatur und Verfolgung. Aber auch sozio-ökonomische Gründe wie Rezession, ein geringes Einkommen und Arbeitslosigkeit sind hierbei ein treibender Faktor. In Syrien sank beispielsweise die Wirtschaftsleistung im Zeitraum 2010 bis 2016 um 70 Prozent und die Arbeitslosigkeit ist letztes Jahr auf über 50 Prozent gestiegen.

Auf der anderen Seite stehen die Pull-Faktoren. Jene spielen für die Wahl des Ziellandes der Migranten eine wichtige Rolle. Im Falle der syrischen Flüchtlinge sind hierbei vor allem politische Motive zu nennen, z.B. Frieden, Rechtssicherheit, sowie die Möglichkeit auf Familiennachzug und legaler Einwanderung.

Darüber hinaus beeinflussen auch ökonomische Überlegungen die Wahl des Ziellandes, d.h. ob freie Arbeitsplätze, hohe Löhne oder ein Wirtschaftswachstum vorhanden sind. Darunter fällt jedoch auch der Zugang zu Sozialleistungen. Ebenfalls relevant sind Gesellschaft und Demografie des Gastlandes, d.h. Sicherheit, Wohnmöglichkeiten und der Zugang zum hiesigen Bildungs- und Gesundheitssystems. Das erklärt, warum relativ viele Syrer nach Deutschland kamen, obwohl sie in sicheren Drittstaaten wie Österreich, Italien, Griechenland oder Ungarn ihren Asylantrag hätten stellen können. Allgemein lässt sich der Wunsch der Migranten, sichere, unmittelbare Nachbarstaaten ihres Heimatlandes wie der Türkei zu verlassen, nachvollziehen. Zu Überlegen bleibt, ob diese Art der Flüchtlingshilfe langfristig nachhaltig ist oder es nicht effektiver wäre, den Flüchtlingen vor Ort besser zu helfen.

Teile und Herrsche?

Dieses Essay konnte nur Bruchstücke aller innersyrischen Konfliktlinien aufzeigen, welche ohnehin kaum überschaubar und zudem ständig im Fluss sind. Fest steht jedoch, umso länger der Konflikt dauert, desto stärker wird die Fragmentierung der syrischen Bevölkerung. Ein einheitlicher Staat wird daher immer unwahrscheinlicher. Realistischer wäre ein zukünftiges Szenario, in dem das Land in verschiedene Staaten entlang seiner Konfliktlinien aufgeteilt wird. Die Implementierung eines demokratischen Staatenwesens in Syrien, wie es zum Beispiel die Kurden im Norden anstreben, ist aus demografischen Gründen bereits nahezu aussichtslos. Die Sunniten würden die absolute Mehrheit stellen und die Minderheiten, welche sie bisher i.d.R. blutig bekämpft haben, unterdrücken.

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Abb. 4: Trupenstärke der Akteure in Syrien. * Linker Balken: Eigene Schätzung; Rechter Balken: Allgemeine Schätzungen

Entweder herrscht Assad oder der radikale Islam

Für die nähere Zukunft ist kein Ende des Bürgerkrieges absehbar, denn keiner der bewaffneten Akteure ist in der Lage, den Konflikt militärisch zu gewinnen, d.h. die komplette Kontrolle über Syrien zu erlangen. Am Ehesten könnte dies noch dem Assad-Regime gelingen, das liegt jedoch nicht an dessen Stärke, sondern an der Schwäche der zersplitterten Opposition. Erschwerend kommt hinzu, dass die „Fronten“ verwischen, d.h. Kämpfer wechseln die Seite, Allianzen zerbrechen und neue Kampfverbände werden gegründet. Dabei ist eine besorgniserregende Entwicklung festzustellen: Die Bedeutung der säkularen Opposition nimmt stetig ab und der Einfluss islamistischer Organisationen zu. Von den geschätzten 100.000 Rebellen werden ca. 25 Prozent als säkular, 10 Prozent als jihadistisch, 30 Prozent als moderat-islamistisch und 35 Prozent als islamistisch eingestuft. Aus westlicher Sicht muss man sich endlich nüchtern eingestehen: Die säkulare Opposition ist gescheitert. Die Revolution ist tot. Die Islamisten sind keine Alternative. 

Damit steht der Westen vor einem außenpolitischen Dilemma in Syrien. Assad ist für die meisten Politiker hierzulande ein rotes Tuch. Doch wer dem Diktatur schadet, stärkt automatisch radikale Islamisten. Außerdem wird es keinen Frieden ohne Assad in Syrien geben können. Das kann man bedauern, muss es jedoch akzeptieren. Es bleibt jedoch zu befürchten, dass Deutschland und seine Partner, lieber (wie bisher auch) dem Abschlachten in Syrien weiter zusehen werden, als zusammen mit dem Regime einen Kompromiss auszuhandeln. Wer jetzt reflexartig die Idee einer friedlichen Lösung mit Assad noch „zynisch“ nennt, wird sich wundern, falls es die Islamisten es doch eines fernen Tages schaffen sollten, ihn zu stürzen. Dann wird der Westen ein weitaus bittere Pille zu schlucken haben und vor noch größeren Problemen stehen als bereits heute schon. Doch wer aus Libyen und dem Irak nichts gelernt hat, denn wird man bei Syrien wohl auch nicht mehr helfen können. 

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