Ist das strukturelle Problem des Euro lösbar?

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Die Eurozone (Bild von Cerebro-Magazin.de)

Die Krise des Euro ist vorbei und alles ist wieder gut? Ganz so einfach ist es leider nicht. Nachfolgend deswegen ein Beitrag über die strukturellen Probleme des Euro und wieso es überhaupt erst zur Eurokrise gekommen ist.

Wie konnten Griechenland und andere Euroländer ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren?

Um diese Frage zu beantworten muss man in der Zeit etwas zurückgehen. Bei der EU-Regierungskonferenz 1994 in Madrid wurde festgelegt, dass der Euro kommen wird. Auch wenn der Zeitpunkt für die Einführung noch nicht festgelegt wurde und auch keine Wechselkurse fixiert wurden, reichte alleine diese Ankündigung bereits aus, um die Zinsen für Staatsanleihen der zukünftigen Euroländer langsam angleichen zu lassen. Die internationalen Investoren sahen von nun an keinen Unterschied mehr, in Italien oder Deutschland ihr Geld zu parken, da das Kreditausfallrisiko durch den Euro stark verringert werden würde. Verstärkt wurde dieser Effekt noch zusätzlich durch die wegfallenden Wechselkursrisiken.

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Abb.1: Entwicklung der Zinsen auf 10-jährige Staatsanleihen ausgewählter Länder. Quelle: OECD

Grundsätzlich gelten hohe Zinsen als Indikator für unsichere Anlagen, da Investoren damit rechnen müssen ihr Geld nicht wiederzubekommen z.B. aufgrund einer hohen Inflation oder womöglichen „Liquiditätsengpässen“ des Staates. Zwar sind in den 90er Jahren weltweit die Zinsen auf Staatsanleihen gesunken, aber die eingetretene Zinskonvergenz der Euroländer, ist eindeutig auf die Gemeinschaftswährung zurückzuführen.

Was haben die Zinsen auf Staatsanleihen nun mit der Wettbewerbsfähigkeit der südlichen Euroländer zu tun?

Nun, den Zusammenhang kann man am besten an Italien erklären. Die dortige Notenbank verfolgte stets eine inflationäre Geldpolitik, sie kaufte also nicht selten Staatsanleihen der eigenen Regierung auf, um diese mit frischer Liquidität zu versorgen. Das geschah meistens dann, wenn die Zinsen auf dem Geldmarkt sehr hoch waren und keine Abnehmer für italienische Staatsanleihen zu finden waren. Durch diesen Aufkauf konnten zwar die Zinsen wieder gesenkt werden und der Geldbedarf der Regierung gestillt werden, aber dieser Schritt war auch immer mit einer realen Abwertung der Lira verbunden. Das war für die italienische Wirtschaft von Vorteil, da man nun die Güter einfacher ins Ausland exportieren konnte. Im Zuge dessen konnte die internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt werden. Alternativ wäre dies nur möglich gewesen, wenn die Italiener „intern“ abgewertet hätten, d.h. die Löhne und Preise nominell reduziert hätten. Solch ein Schritt ist politisch aber schwerer umzusetzen, als eine „externe“ Abwertung durch die Währung. Ganz generell lässt sich feststellen, dass makroökonomische Ungleichheiten und Spannungen (z.B. hervorgetreten durch unterschiedliche Preisniveaus) in einem System flexibler Wechselkurse durch Auf- bzw. Abwertungen gelöst werden.

Problem gefunden?

Das Problem der Südländer, war zunächst keines. Ganz im Gegenteil, denn durch die gesunkenen Zinsen auf Staatsanleihen, infolge des Euros, konnten sich die Regierungen in den südlichen Euroländern so billig verschulden wie nie zuvor. Von den niedrigen Zinsen profitierten aber auch private Haushalte und Unternehmen, die von ihren Banken billige Kredite bekamen. Die Arbeitslosigkeit sank dementsprechend, nicht zuletzt im öffentlichen Sektor. Durch die gute wirtschaftliche Entwicklung stiegen die Preise und Gehälter sehr stark in den Boom-Ländern an, während z.B. Deutschland unterdurchschnittlich inflationierte. Das geschah zu einem Zeitpunkt als Deutschland die „rote Laterne“ in Sachen Wirtschaftswachstum hatte. Laut Prof. Hans-Werner Sinn, war das die deutsche „Eurokrise“, denn das Kapital floss vom lahmenden Norden in den boomenden Süden. Für Griechenland & Co. war das natürlich zunächst ein Vorteil. Da die GIPS-Staaten üblicherweise negative Leistungsbilanzsalden (mehr Importe als Exporte) aufweisen und durch die Nettokapitalzuflüsse (aus dem Norden von u.a. deutschen Banken) ihren Boom finanzieren konnten.

Ist Deutschland schuld?

Manche Ökonomen sehen den Schuldigen in der aktuellen Eurokrise in Deutschland. Doch warum? Nun, durch die Agenda 2010 vom damaligen Kanzler Schröder hat Deutschland intern abgewertet, d.h. die Reallöhne sanken bzw. stagnierten. In der gleichen Zeit stiegen die Löhne in den Südländern hingegen. Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stieg, „auf Kosten“ der Südländer. So sehen es zumindest es einige Ökonomen. Sie haben mit ihrer Analyse zwar Recht, aber die interne Abwertung war für deutsche Bevölkerung in den ersten Jahren der Agenda 2010 kein Zuckerschlecken. Die Reformen waren nötig, um die Wettbewerbsfähigkeit überhaupt wiederherzustellen. „Ablesen“ kann man die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit sehr gut an den Lohnstückkosten (Siehe Abb. 2).

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Abb. 2: Lohnstückkosten in der Eurozone. Quelle: OECD

Als dann in der Finanzkrise das Kapital einen sicheren Hafen suchte, fand es diesen in deutschen Staatsanleihen. Das Kapital floss vom Süden nun wieder zurück in den Norden. Die Euroblase platze. In den südlichen Ländern stiegen die Zinsen im Vergleich zu Deutschland wieder (Zinsspreads). Die Investoren zweifelten an der Zahlungsfähigkeit einiger Länder, forderten einen höheren Risikoaufschlag und es kam wieder zu einer Zinsdivergenz in den betroffenen Staaten – wie vor dem Euro.

Keine externe Abwertung im Euro möglich

Wir sind jetzt gedanklich im Jahre 2009. Die griechische Regierung korrigierte zu diesem Zeitpunkt ihre Haushaltsdefizitprognose immer weiter nach oben, weswegen nun Investoren einen immer größeren Bogen um griechische Staatsanleihen machten. Verschärft wurde die Lage dann zusätzlich, als einige Ratingagenturen die Bonität Griechenlands immer weiter auf Ramschstatus herunterstuften. Das Land stand kurz vor dem Bankrott.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass auch Kalifornien im Jahre 2009, infolge eines gewaltigen Haushaltsdefizites, pleite war und vorübergehend „IOU“ (I owe you) Schuldscheine im Umlauf brachte, um seine Rechnungen zu „bezahlen“. Es kam damals Niemand auch nur auf dem Gedanken, dass Kalifornien nun durch andere Bundesstaaten „gerettet“ werden oder dass die FED (Notenbank der USA) Anleihen aufkaufen müsse. Und das obwohl die USA ein eigener Staat ist – im Gegensatz zu der Eurozone/EU.

Solidarität? Mit wem?

Zurück zu Griechenland. Anders als in den USA, indem jeder Bundesstaat für seine Schulden selbst verantwortlich ist, entschied sich die EU für einen Bailout Griechenlands. Nicht ohne Hintergedanken. Britische, französische und auch deutsche Banken waren stark in den Südländern engagiert. Da die europäischen Geldhäuser ohnehin am Straucheln waren, entschieden sich die Staats- und Regierungschefs ein Rettungspaket für „Griechenland“ zu schnüren. Verkauft wurde dieser Schritt ironischerweise unter dem Totschlagargument „Solidarität“. Wer möchte denn schon nicht solidarisch sein? Natürlich kam diese „Solidarität“ in erster Linie den Banken zu Gute und eben nicht „den Griechen“. Das gleiche gilt für alle „Rettungsschirme“ (Schützen die vor Rettung?).

Die „Rettung“ gab es im Austausch für eine Politik der Austerität, d.h. einer Politik des „Gürtel enger Schnallens“. Und warum? Das Ziel ist es die griechische Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Jetzt sind wir also wieder beim eigentlichen Thema angekommen. Um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, muss die jeweilige Volkswirtschaft abwerten. Wie im eingangs erwähnten Fall Italiens, gibt es dazu zwei Wege. Einerseits eine externe Abwertung, durch die Schwächung der eigenen Währung und andererseits eine interne Abwertung durch Lohn- und Preissenkungen (Deflation). Man entschied sich also, um „den Euro zu retten“, für letzteren Weg. Die einzige Frage, die in der gesamten öffentlichen Diskussion aber zu kurz kommt ist:

Wie viel muss eigentlich Griechenland (und andere Südstaaten) abwerten, um wieder international wettbewerbsfähig zu werden?

Und hier kommt der Grund, warum der Euro in seiner jetzigen Form nicht bestehen kann. Laut einer Studie von Goldmann Sachs, müssten Griechenland, Spanien und Portugal um ca. 30%, Frankreich um 25%, Italien und Irland um ca. 10% abwerten. Nun kommen wir aber zum „Problem“ Deutschland. Selbst wenn alle Südländer diesen harten Weg schaffen sollten, ist Deutschland relativ gesehen, immer noch um etwa 30% zu stark. Die Bundesrepublik müsste den Südländern also entgegenkommen und um ca. 30% aufwerten. Dann wären alle Länder wieder im Gleichgewicht. Die Nordstaaten müssten also eine inflationäre Lohn- und Preispoltitik betreiben. Zum Beispiel also, 15 Jahre je 2% Preissteigerungen zulassen. Der Leitzins müsste aber auf dem aktuellen niedrigen Niveau verharren, um die Wirtschaft in Südeuropa nicht abzuwürgen. Das heißt die deutschen Sparer würden über die Realzinsen (Inflation minus Nominalzinsen) „enteignet“ werden.

Fazit:

Es gibt keinen einfachen Weg die Eurokrise zu lösen. Man kann lediglich aus vielen schlechten Optionen, die am wenigsten schlechte wählen. Die aktuellen Umfragen in Südeuropa z.B. in Italien zeigen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis eine politische Mehrheit für einen Euroaustritt zusammenkommt. Ob 2017, 2021 oder erst später, es wird zu einem Austritt kommen. Die wirtschaftliche Lage wird eher schlechter als besser werden und wird zurzeit nur vom niedrigen Ölpreis überstrahlt. Das schlimmste was passieren könnte, wäre ein unkontrollierter, einseitiger Austritt aus der Währungsunion, auf Drängen des Marktes hin. Deswegen wird es Zeit über gesetzliche Rahmenbedingungen nachzudenken, die einen Konkurs bzw. Austritt genau regeln. Aber das erscheint derzeit leider sehr unwahrscheinlich….

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