Wie der Sozialstaat die Migration beeinflusst

Migration

Migrationstheorie

Seit Beginn der Einwanderungskrise von vor zwei Jahren steht kaum ein anderes Thema so sehr im Fokus der deutschen und europäischen Öffentlichkeit wie das der Migration. Etwa eine Million Menschen kamen 2015 von außerhalb der Europäischen Union nach Deutschland. Werden EU-Bürger mitgerechnet, stieg die Zuwanderung in die Bundesrepublik sogar auf über 2,14 Millionen Migranten – in nur einem Jahr. Neben der „Willkommenskultur“ spielt dabei auch der Sozialstaat eine maßgebliche Rolle. Denn dieser wirkt in vielfacher Hinsicht wie ein Magnet, wie es unter anderem der ehemalige Leiter des Ifo-Institutes in München, Hans-Werner Sinn, treffend beschrieb. Vor dem Hintergrund der Einwanderungs­krise und der polarisierten Debatte in Deutschland soll im Rahmen dieses Essays analysiert werden, welche kontraproduktiven Effekte Sozialtransfers, im Zusammenhang mit Migration, auslösen.

Als Grundlage für die nachfolgenden Überlegungen soll die klassische Migrationstheorie vom amerikanischen Migrationsforscher Everett S. Lee dienen. Kern jener Theorie bildet das sogenannte „Push- and Pull“-Modell. Es führt Migration auf zwei Faktoren zurück. Einen Anzieheffekt des Einwanderungslandes und einen Abstoßeffekt des Auswanderungs­landes. Der letztgenannte Punkt, die Push-Faktoren, lässt sich in drei Kategorien unterteilen:

  1. Sozio-ökonomische Gründe (z.B. Arbeitslosigkeit, hohe Steuern/Abgaben, geringes Einkommen)
  2. Politische Gründe (z.B. Krieg, Diktatur, Verfolgung)
  3. Ökologische Gründe (z.B. Umweltkatastrophen, etc.)

Der Anzieheffekt, also die Pull-Faktoren lassen sich ebenfalls in drei Kategorien aufschlüsseln:

  1. Ökonomische Gründe (z.B. hohe Löhne, freie Arbeitsplätze)
  2. Politische Gründe (z.B. Frieden, Rechtssicherheit, legale Einwanderungsmöglichkeit)
  3. Gesellschaftliche bzw. demographische Gründe (z.B. Sicherheit, Wohnmöglichkeiten, Bildungs- und Gesundheitssysteme)

Nun soll die klassische Migrationstheorie an einem einfachen Modell näher erläutert werden (siehe Abbildung 1):

Migration
Abbildung 1: Migrationsmodell (BIld von Michael Lechner)

Folgende Modellannahmen werden hierbei a priori festgelegt:

  1. Keine Sozialstaatseffekte
  2. Keine Steuern oder Abgaben modelliert (Betrachtung der Reallöhne)
  3. Offene Grenzen, d.h. Migration ist von einem Land in das andere (ohne monetäre- oder Opportunitätskosten) möglich.
  4. Ausschließliche Betrachtung der in- und ausländischen Arbeitnehmer und –geber, so­wie der beiden Volkswirtschaften auf Makroebene.
  5. Nutzenmaximierende Individuen (Homo oeconomicus)

Zum Modellaufbau: An der Abszissenachse ist die Beschäftigung abgetragen. An der linken Ordinatenachse die Reallöhne des Inlandes und an der rechten Ordinatenachse die Reallöhne des Auslandes. Die blaue Line zeigt das Grenzprodukt der Arbeit (MPL: Margin Product of Labour) des Inlandes und die orangefarbene Linie das MPL des Auslandes. In der Ausgangs­lage bilden die Punkte Q und Q° die Situation vor der Migration ab. Q* ist der Schnittpunkt, resp. das Gleichgewicht der beiden MPL-Graphen nach der Migration.

Welche Gruppen profitieren nun von der Migration und welche nicht? Die inländischen Arbeit­nehmer verlieren die Fläche A, da die ihre Löhne von w nach w* gesunken sind. Dieser Effekt ist auf das gestiegene Arbeitsangebot durch die Migranten zurückzuführen. Denn bei gleich­bleibender Arbeitsnachfrage können die Arbeitgeber auf billigere Arbeitskräfte zurückgreifen. Letztgenannte profitieren deshalb von der Migration. Sie gewinnen die Fläche A und B hinzu. Allgemein sind die inländischen Kapitaleigner (z.B. Immobilienbesitzer) die Gewinner jener Entwicklung.

Diese Effekte spiegeln sich mit anderem Vorzeichen nun für das Ausland wider. Dort gewinnen die Arbeitnehmer die Fläche F hinzu, da sie aufgrund des gesunkenen Arbeitsangebotes höhere Löhne von ihren Arbeitgebern verlangen können. Jene verlieren deshalb die Flächen D und F. Bleibt noch die Gruppe der Migranten. Da sie im Inland höhere Einkommen generieren können (Fläche C und D), gehören sie klar zu den Gewinnern der Migration. Volkswirtschaftlich ge­sehen können sowohl das Ausland (Fläche C) als auch das Inland (Fläche B) ihre Netto­wohl­fahrt steigern.

Was folgt nun aus diesem Modell? Migration ist ohne die Modellierung von Sozialstaats­effekten ein – rein wirtschaftlich gesehen – sinnvoller Prozess. Das beste empirische Beispiel hierfür sind Mexiko und die USA. Darauf wird später noch genauer eingegangen werden. Zunächst wird die Rolle des Wohlfahrtstaats bei der Migration näher erläutert, d.h. die kontraproduktiven Effekte seiner Sozialtransfers analysiert.

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