Wie viel Wahrheit steckt im Vorwurf „Lügenpresse“?

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Lügenpresse. Dieser Vorwurf wird derzeit oft erhoben, wenn es um die Berichterstattung deutscher Medien über die Einwanderungskrise geht. Laut einer repräsentativen Meinungsumfrage denken mittlerweile sogar über 39% der Deutschen, dass der Begriff Lügenpresse durchaus berechtigt ist. Wie kommt es also zu dieser Kluft zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung? Ein Erklärungsversuch.

Wer steht hinter der „Lügenpresse“?

Zuallererst muss der allgemeine Begriff „Presse“ auseinandergenommen werden. Damit sind natürlich nicht nur Printmedien gemeint, sondern auch alle anderen Formate wie z.B. das Fernsehen. Ein Medienorgan besteht in erster Linie aus einer Redaktion. Dort arbeiten Journalisten, die Artikel verfassen, um die Öffentlichkeit mit Informationen zu versorgen. Aber wer sind denn diese Journalisten überhaupt und welche politischen Ansichten vetreten sie? Laut einer Studie der Freien Universität Berlin von 2010 zufolge stehen 36,1% der Journalisten keiner Partei nahe, 26,9% den Grünen, 15,5% der SPD, 9% der Union, 7,4% der FDP, 4,2% Prozent der Linkspartei und 0,9% den Sonstigen. Rechnet man die Unparteiischen heraus, ergäbe sich ein Wahlergebnis wie in der Abbildung unten zu sehen ist.

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Abb.: Wahlpräferenz von politischen Journalisten (Bild von Cerebro-Magazin.de)

Wenn wir davon ausgehen, dass die Parteipräferenz ungefähr konstant geblieben ist, lässt sich ein starker Kontrast zwischen den Medienschaffenden und der Bevölkerung feststellen. Zum Vergleich, hier sind die aktuellen Umfragewerte zur Bundestagswahl.

Mit dem Wissen, dass die Mehrheit der Journalisten politisch links steht, überlegen Sie selbst einmal kurz, wie Sie die Berichterstattung der Medien zu den Themen Migration, Russland oder AfD in den letzten Jahren wahrgenommen haben. Ist ein Zusammenhang zwischen politischer Einstellung und Berichterstattung wirklich so weit hergeholt?

„Flüchtling“ – Das inoffizielle Unwort des Jahres 2015

Um die Glaubwürdigkeit deutscher Medien beurteilen zu können, ist es notwendig diese, ausländischen Medien gegenüberzustellen, um einen Vergleichswert zu erhalten. Nehmen wir als Untersuchungsobjekt die Berichterstattung über die Einwanderungskrise. Da die Osteuropäer im Bezug auf die Pressefreiheit keinen guten Ruf genießen, soll Großbritannien unser Referenzwert sein. Dort gibt es mit der BBC einen strukturell ähnlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie in Deutschland. Die BBC bezeichnet jene Menschen, welche derzeit nach Europa kommen nicht pauschal als Flüchtlinge („Refugees“), sondern als Migranten („Migrants“). Die BBC begründet diesen Schritt wie folgt: 

A note on terminology: The BBC uses the term migrant to refer to all people on the move who have yet to complete the legal process of claiming asylum. This group includes people fleeing war-torn countries such as Syria, who are likely to be granted refugee status, as well as people who are seeking jobs and better lives, who governments are likely to rule are economic migrants.

Haben die deutschen Medien schon einmal begründet, warum sie pauschal immer von „Flüchtlingen“ bzw. einer „Flüchtlingskrise“ sprechen? Nein? Könnte etwa die eigene politische Überzeugung damit zu tun haben?

Die Medien als „Vierte Gewalt“?

Politiker handeln und Bürger wählen auf Grundlage von Informationen. Und woher beziehen die meisten Menschen ihre Informationen? Richtig, aus den Medien. Deswegen hat die Presse eine riesige Machtposition im öffentlichen Diskurs inne. Nicht selten wird hierbei von der „Vierten Gewalt“ im Staat geredet. Aber wer hat denn die Journalisten gewählt? Natürlich niemand. Den Journalisten kommt also eine zentrale Rolle im politischen Raum zu, für die sie nicht demokratisch legitimiert worden sind. Einen gesetzlich vorgeschriebenen Proporz, welcher die Repräsentativität der Bevölkerung widerspiegelt, gibt es auch nicht. Kein Wunder also, dass die Lücke zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung so weit auseinanderklafft.

Es wird zwar oft argumentiert, dass die Leser und Zuschauer einfach das Medium wechseln können, wenn sie mit der Berichterstattung unzufrieden sind, aber das tun die Wenigsten. Wie auch? Es gibt schlichtweg kaum Alternativen (mit Ausnahme des Internets natürlich), insbesondere im Bereich des Fernsehens. Oder kennen Sie einen (deutschen) TV-Sender, welcher über Themen wie Fukushima, den Ukrainekonflikt oder die Einwanderungskrise sachlich und objektiv berichtet hat?

Wir brauchen wieder ehrlichen WillkommensJournalismus

Noch nie zuvor in der bundesdeutschen Geschichte gab es so viele verschiedene Zeitungen, Magazine und TV-Sendungen. Und trotz alledem ist die Meinungspluralität in den klassischen „Mainstream-Medien“ heutzutage so niedrig wie jemals zuvor.

Deswegen muss der deutsche Journalismus eine Kehrtwende einlegen. Das heißt: Staatsferne statt Staatsfernsehen. Mehr kritische Stimmen zu Wort kommen lassen, damit ein ausgewogenes Gesamtbild entsteht. Und ein Ende der unsäglichen Hofberichterstattung. Erst dann wird der Vorwurf der Lügenpresse wieder abklingen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

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